Am Altjahrsnachmittag, als es eben dämme-

rig wird und lange Schatten auf den Wegen

liegen, steht die Hausherrin von Schloß

Fiekensholt in ihrer Stube am Fenster und blickt

suchend auf die Allee hinaus, als erwarte sie

noch einen späten Besucher. „Fünf Uhr“, mut-

melt sie, „der Zug müßte schon lange da sein“

und sie zieht ihren Schal fester um die Schultern,

wendet sich zur Türe und ruft auf den Flur hin-

aus nach ihrer Magd. Aus dem unteren Stock-

werk hört man Schlüsselgeklapper und Türen-

schlagen, und die alte Geesche stolpert die Treppe

herauf und fragt, was es gäbe. „Bring Holz“

befiehlt die Herrin, “und leg im Ofen nach. Das

Kind soll ein warmes Zimmer finden, wenn es

kommt!”

Als Geesche gegangen ist, zündet sie drei Kerzen

in einem Porzellanleuchter an und legt ein paar

Aepfel auf den Ofen. Dann zieht sie die weiß-

getupften Mullvorhänge am Fenster zu, greift

nach einem schmalen Buch, in das sie sich alsbald

vertieft, während die Kerzen ihr unruhiges Licht

über die Seiten schicken. Traulich und mild ist

der Abend eingezogen.

Nichts stört die Stille in dem alten Herren-

haus, vom Volke das Schloß genannt, obgleich

es ein zu anspruchsvoller Name ist für Fietens-

holt, dessen grauen Mauern die Zeit bereits

arg zugesetzt hat. Das Herrenhaus liegt in

einem Park. Die Allee, die darauf zuführt, ist

breit; sie gibt die Aussicht auf eine rundge-

schwungene Eingangstreppe frei, zu deren Seiten

sich auf niedrigem Sockel je ein molliger Putto

erhebt. Nach der Laune des Architekten von

Anno dazumal schwingen beide verwegen

schmiedeeiserne Laternen, aber sie haben seit

Jahrzehnten keine Lichter mehr gesehen, und die

Glasfensterchen sind blind, sofern der Sturm sie

nicht schon vollends herausgebrochen hat. Das

Haus sieht zur Allee hin aus neun Fenster-

augen, vor der Eingangstreppe ist ein Rasen-

rondell angelegt, mit Buchsbaumeinfassung; der

schmale Weg drumherum hat Kopfsteinpflaster.

Im ersten Stock hat die Hausfrau ihr Zimmer.

Es ist einfach eingerichtet, aber es verrät die

liebevoll ordnende Hand der Frau. Zwischen

den beiden weiß verkleideten Fenstern hängt ein

schmaler, feingeschliffener Spiegel aus veneziani-

schem Glas. Ein Nähtisch im Biedermeierstil

nebst passendem Sessel steht davor, angefangene

Filetarbeit guckt aus der Lade. Neben der Tür

hat eine niedrige braune Truhe ihren Platz. Sie

trägt einen kunstvoll geschnitzten Engel in der

Pracht barocker Gewänder, und sie birgt aller-

hand geheimnisvolle und liebgewordene Dinge.

Hinterhand steht ein mit blauem Rips bezo-

genes Sofa mit sanft geschwungener Rückenlehne

und ein ovaler Tisch, auf der anderen Seite eine

Mahagonikommode und der Ofen aus der Kopf-

zeit, mit einem urnenförmigen Aufbau auf seinem

eisernen Gestell, der seines Alters ungeachtet

immer noch benutzt wird. Eine Laute mit bunten

Bändern steht in der Ecke. Als Wandschmuck gibt

es nur wenige Scherenschnitte, Radierungen

und einen Kranz von Immortellen. Vom dunkel-

polierten Fußboden steigt Wachsgeruch auf. Das

ganze Zimmer atmet einen Duft von Sauber-

keit und Freude.

Eine Viertelstunde mag die alte Dame mit

Ihrem Buch verbracht haben, als eilige Schritte

die Treppe heraufkommen und ein junges Mäd-

chen die Tür aufreißt: “Großmutter!” Die Frau

blick auf. Vergessen ist die feinsinnige Betrach-

tung, “Ueber das, was eine Rose sei“, in der

sie gelesen hat. Dina, ihre Enkelin, die in vier-

zehn Tagen heiraten will, ist gekommen, und

mit ihr ist Leben und Jugend eingezogen. “Ich

habe mein Brautkleid in Oldenburg abgeholt,

hier, siehst du, es war schon fertig”, ruft sie,

schlägt den Papierbogen auseinander und schlüpft

vor den Spiegel. “Meinst du, daß Hartwig mich

so leiden mag?”

“Natürlich mag er dich leiden“, lächelt die alte

Dame, “aber nun komm und iß und trink. Geesche

soll uns Tee bringen, und dann kannst du der

Reihe nach erzählen.” — Dina schnuppert: “Hm,

es riecht nach Bratäpfeln, es riecht nach Geschich-

ten. Eigentlich müßtest du mir eine erzählen,

Großmutter. So wie früher, als ich dein kleines

Mädchen war. Wenn ich erst verheiratet bin, ist

es ja doch für immer damit vorbei!”

Hat da eben ein wehmütiger Ton mitge-

schwungen? Es schien wohl nur so. Einerlei,

die alte Dame sagt: „Es gibt wohl Geschichten,

die auch für unsereins zu hören sind, und ich

wüßte eine, die gerade in diese Stunde paßte.

Gut; du sollst sie hören. Aber erst den Tee. Jedes

Ding muß seine Richtigkeit haben. Dann sitzen

die beiden Frauen, die alte und die junge, und

die mit dem weigen Haar beginnt:

Es mag um das Jahr 1900 gewesen sein, da

Feierte ein Amtshauptmann aus dem Olden-

burgischen, nennen wir ihn Johann Hinrich

Suhrkamp, Hochzeit mit seiner blutjungen

Braut Lena Weiß. Sie stammte aus Hannover.

Ihr Vater war dort Anwalt und führte mit

seiner lebenslustigen Frau und den drei hübschen

Töchtern ein geselliges Haus. Es gab kleine

Feste, es wurde gelacht und getanzt, und auf

einer dieser Gesellschaften im Familienkreise

geschah es, daß Herr Weiß auch den Amtshaupt-

mann Suhrkamp einlud, der gerade zur Er-

ledigung dienstlicher Angelegenheiten in Han-

nover war. Suhrkamp war ein großer, ernster

Mann von etwa 40 Jahren, mit nachdenklichem

Verstand begabt, treu und zuverlässig. In

jungen Jahren war ihm die Verlobte an einem

hitzigen Fieber weggestorben. Seitdem war er

nicht mehr auf Brautschau gegangen, hatte sich

vielmehr in seine Arbeit vergraben als eifriger,

auf das Wohl des Landes bedachter Beamter.

Seine einzige Passion war die Jagd, eine

Leidenschaft, der er in den Wintermonaten

manchen Amtstag opferte. Lena erfuhr das

alles an jenem ersten Tag ihrer Bekanntschaft

und seine ruhige und stetige Art, die Güte und

Bedachtsamkeit, mit denen er die Begebenheiten

seines bisherigen Lebens vor ihr aufrollte und

erklärte, gewannen ihm ihre Zuneigung. Er

war so anders als die Studenten und jungen

Leutnants, mit denen sie so manche Ballnacht

vertändelt hatte, er war gereifter, männlicher

als sie und ihnen überlegen. Mit sanfter Ge-

walt zog er ihr Weser an; sie, die Junge, die

Werdende, fühlte sich bei ihm geborgen.

Suhrkamp entging es nicht, das Lena ihn

den anderen Männern vorzog, und es machte

ihn froh. Von dem Augenblick an, da sie in

der Frische ihrer zwanzig Jahre vor ihm ge-

treten war, fühlte er ein längst nicht mehr

gekanntes Gefühl in sich groß und mächtig

werden. Es war ihm, als würde er zwölf lange,

einsam verbrachte Jahre von sich wie ein zu

eng gewordenes Kleid, als stünde er wieder

da, wo er in seiner frühen Jugend einst ge-

wesen war: in einem Land, darin Liebe und

Träume künftiger Erfüllung galten, und die

Verstorbene, nie ganz Verschmerzte, war nicht

mehr ein Schatten vor dem neuen Glück. Er.

faßte einen Entschluß, und schnell, ehe Bedenken

den sonst so sorgsam Prüfenden abhalten

konnten, bat er zu jedermanns Verwunderung,

noch ehe er wieder in die Heimat fuhr, den

Anwalt um die Hand der Tochter. Weiß war

nicht wenig erstaunt, aber da er Suhrkamp als

einen Mann von bestem Ruf und untadeliger

Menschlichkeit kannte, war er nicht abgeneigt

und verwies den Freier an Lena, damit er sich

bei ihr die endgültige Antwort hole. Lena

willigte ein.

An einem Herbsttag hielt die junge Frau-

Einzug in ihrem Herrenhaus. Sie wurde nicht

strahlend empfangen. Das Haus, dem es so

lange an fraulicher Fürsorge gefehlt hatte, war

grau und düster; grau und düster war auch

der Himmel über dem kahlen Lande, und keine

Freundeshand war in der Fremde, die sich ihr

freundlich geboten hätte. Das Heimweh nach

der heiteren Sorglosigkeit des hannoverschen

Lebens nagte an ihr, die Pflichten einer Haus-

frau waren vorerst nichts weiter als lästige

Gebote, und Suhrkamp, der sich vergeblich be-

müht hatte, die trübe Stimmung beim Einzug

in die kalten Räume zu verscheuchen, verfiel

wieder in seinen schweigsamen Ernst. Lena-

fröstelte. Wo blieb hier ihre Jugend, ihr Froh-

sinn? Traurig erschien ihr das Leben und als

eine Kette, von langweiligen Tagen, deren Ende

man herbeisehnte, und man hatte doch erst be-

gonnen. Es wurde ihr nicht bewußt, wieviel

Schuld sie selber an dem neuen Lauf der Dinge

trug; ungerecht und mit dem Egoismus der

Jugend forderte sie, wo sie selber noch nichts

gegeben hatte.

Suhrkamp bemerkte das alles wohl, und es

betrübte ihn tief. Er verdoppelte seine Zärt-

lichkeit und Fürsorge, er empfand auch, daß

Lena ihn liebte, aber es hing wie ein Reif

über dieser Liebe, daß sie sich nicht hervorwagte

und nicht zum Blühen kam. Mit der Zeit

spielten sie sich aufeinander ein. Er spürte, wie

Behagen und Gemütlichkeit in dem Hause ein-

zogen, wie ein Zimmer nach dem anderen unter-

ihrer Hand sich veränderte und warm und an-

heimelnd wurde, und er genoß es dankbar, wenn

er von seinen Amtsgeschäften nach Haus kam-

und fand den Teetisch anmutig gedeckt. Lena

war ein tätiger Mensch und im Grunde ihres

Herzens nicht geschaffen zum Trübsalblasen.

Darum rührte sie, als die erste Fremdheit über-

wunden war, fleißig die Hände, lief treppauf,

treppab und hatte die Wirtschaft fest in der

Hand. Trotzdem blieb ihr noch viel Zeit. Die

langen Nachmittage, an denen sie in dem großen

Haus allein war, benutzte sie zum Briefe-

schreiben, und eine alte, in ihrer Kinderzeit

oft geübte Handfertigkeit kam zu neuen Ehren.

Sie schnitt in schwarzem Papier zierliche

Blumenornamente aus, mit denen sie Ge-

schwister und Freundinnen beglückte. Abends

konnte es auch wohl geschehen, daß Johann

Hinrich und Lena in dem Stübchen, das sie. sich

als ihr eigenstes Reich eingerichtet hatte, bei-

sammen saßen, und daß sie zur Laute griff und

mit ihrer hellen Stimme Volkslieder sang, in

die er dann und wann mit seinem Brummbaß

einstimmte. An solchen Abenden merkte Lena,

daß sie ihren Mann wirkliche liebte, und sie

wünschte sich, daß sie ihm ganz nah kommen

möchte, sie wollte ihn ganz tief verstehen. Du

ferner, du ernster Mann, dachte sie, wo find

ich dich, daß ich bei dir auf deinen Wegen sein

kann?

So verging der Winter, und als der Früh-

ling kam mit neuem Grün und Blühen, das

schien es, als ob nun alles in der Ordnung

sei, und nichts stünde mehr zwischen ihnen.

Lena bekam rote Backen; ihr Gang war weicher

und fraulicher geworden. Suhrkamp sah ihr oft

nach, wenn sie im hellen Leinenkleide im Garten

stand und Erdbeeren verpflanzte, Sträucher be-

schnitt und überall ihr Auge hatte. Er war stolz

auf seine junge Frau, und in seinem gesicherten

täglichen Glück sah er schon die verheißene Er-

füllung. Auch Lena wünschte sich das Leben

kaum noch anders. Hannover und Uebermut

und Leichtsinn — wie weit lag das dahinten!

Sie war jetzt ganz ruhig — aber es war die

Ruhe vor dem Sturm.

Eines Tages brachte Suhrkamp einen Brief.

Er kam vom Regierungsdirektorium in Han-

nover. Die Herren fragten an, ob er, der Herr-

Amtshauptmann, gewillt sei, den Herrn Refe-

rendar Felix Casparius in viermonatiger Aus-

bildungszeit in seine Amtsgeschäfte einzuweihen.

Lena jubelte, Felix Casparius war einmal ihr

Ballherr gewesen, und sie hatte den gewandten

Tänzer nicht vergessen. „Laß ihn kommen”,

sagte sie, “gönn uns die -Abwechslung. Er ist

 der liebenswürdigste Mensch, den du dir vor-

stellen kannst. Er kann oben wohnen, wofür

haben wir unser Fremdenzimmer?“ Johann

Hinrich sah sie an und schwieg. „Gut“, sagte er

endlich. „du sollst deinen Willen haben. Mag

er denn hier einziehen. Warum nicht, wenn es

dir Freude macht?“ Im stillen dachte er: „Was

mag sie entbehren, daß die Erinnerung an ein

bisschen Tanz und Flitter sie so verwandelt?”

Felix Casparius kam. Lena hatte nicht zuviel

gesagt. Er war wirklich der angenehmste Ge-

sellschafter, den man sich wünschen konnte. Seit-

dem er da war, war das Wort „Langeweile”

abgeschafft. Stets hatte man etwas vor. Die

friedlichen Abende zu zweien waren vergessen:

jetzt wurden abends Brettspiele veranstaltet,

oder man saß im Park, Lena mit ihrer Hand-

arbeit beschäftigt, und Felix wußte unterhalt-

same Dinge aus dem hauptstädtischen Leben zu

erzählen. Johann Hinrich hielt sich in seinem

Diensteifer nicht an die Amtsstunden, sondern

nahm oft auch noch den Abend zuhilfe, wenn

wichtige Geschäfte zu erledigen waren. Da ver-

stand es sich von selbst, daß Felix, der vom Nach-

mittag ab frei war, Lena auf ihren Wegen be-

gleitete und kaum noch von ihrer Seite ging.

Er wurde ihr fast unentbehrlich. War ein neues

Kleid auszusuchen, so wurde Felix gefragt. Er-

hatte Geschmack, er wußte, was man in der

Großstadt trägt. Wurden Noten aus der Olden-

burger Musikalienhandlung bestellt, so mußte

man seinen Rat hören, denn er kannte die neuen

Lieder. Und als der kleine Saal im Erdgeschoß

neu tapeziert werden sollte, lag die Entschei-

dung über das Dekor wie selbstverständlich bei

ihm, denn er kannte die fürstlichen Privat-

zimmer in Herrenhausen. Und seitdem Johann

Hinrich ihnen einmal den Kutschwagen vom

Stellmacher Warntjes verschafft hatte, gehörten

diese Ausfahrten zum festen Wochenprogramm.

Felix konnte die Pferde im schnellsten Galopp

noch bändigen. Er konnte alles.

Der Sommer hatte seinen Höhepunkt über-

schritten. Es ging auf den September zu, und

der Tag, an dem Felix abreisen sollte, rückte

näher. Zwischen ihm und Lena war es nicht

mehr wie früher. Die harmlose Fröhlichkeit des

Anfangs hatte einem scheuen Ernst Platz ge-

macht, hinter dem sich unausgesprochene Fragen

verbargen. Es kam jetzt öfter vor, daß Lena-

nachmittags vorgab, noch im Hause zu tun zu

haben, oder daß sie ihm mit einem stillen Kopf-

schütteln dankte, wenn er sie auf einem Wege

begleiten wollte. Es war offensichtlich, daß sie

ihm auswich.

An warmen Abenden, wenn es niemanden

im Hause litt, saß man unter den Buchen noch

bei einem Glas Wein beisammen. Suhrkamp

war jetzt immer der Anreger; er wußte in

seiner gemütvollen Art von allerlei Gescheh-

nissen zu berichten, die sich in der Umgebung

ereignet hatten, ja manchmal kramte er

Schnurren und Schabernack aus seinen Jugend-

tagen aus, erzählte von seiner Oldenburger

Gymnasiastenzeit und dem Studentenleben in

Bonn und Göttingen. Er war gesprächiger

denn je, und er tat, als bemerke er nicht, daß

sich seine beiden Zuhörer so schweigsam ver-

hielten. Felix ließ oft die Blicke von einem zum

andern wandern. Immer wieder blieben sie

dann bei Lena hängen, die ihm noch nie

schön erschienen war wie jetzt in ihrer

Schwermut.

Eines Nachmittags, als er Lena wie früher

oft zu einer Besorgung ins Dorf begleitet

hatte, kamen sie am Fluß vorbei, und Lena

hatte Lust zu einer Ruderfahrt in dem alten

Kahn, der im Schilf vertäut tag. Im Nord-

westen trieben dunkle Wolken, der Wind hatte

sich aufgemacht und Regen stand zu erwarten.

Nein, sie wollte nicht auf Felix Bedenken

hören. Heute wollte sie fahren, jetzt gleich, er

möge ihr doch die kleine Bitte nicht abschlagen:

Aber als sie dann herausgerudert waren, er-

wies es sich, daß Felix recht behalten sollte.

Schneller als gedacht zog das Unwetter auf, es

wurde dunkel, Blitze zuckten. Sie fröstelte. Er

legte ihr seine Jacke um die Schultern und

strich wie zur Beruhigung über ihre Hand.

“Felix”, sagte Lena und hielt seine hand fest,

“Felix, ich habe Angst…”

Es wurde nichts mehr zwischen ihnen ge-

sprochen. Schweigend gingen sie bald darauf

nach Haus. Lena zog sich um und trocknete ihr

Haar. Von der Bootsfahrt war nie mehr die

Rede.

Es war ein Mittwoch, zwei Tage vor

Felix’ Abreise. Suhrkamp hatte in dienstlichen

Geschäften übers Land müssen; Lena erwartete

ihn erst für den späten Abend zurück. Sie saß

in ihrem Zimmer, hatte die Laute auf dem

Schoß und sang. Die Tür war angelehnt, die

Fenster standen offen und in dem leisen Luft-

zug flattern die Gardinen. Sie sang:

Sag, hast du mein gedacht

all in der Nacht?

Sehe den Wolken zu,

sie ziehen in Ruh.

Bringen die Vöglein dir

ein Lied von mir.

Klingt es durch unsere Zeit

voll Lieb und Leid.

Leis kommt die Nacht heran.

Still. — Liebster Mann.

Lena hatte nicht bemerkt, daß die Türe auf-

gegangen war. Felix stand da an ihrer Seite. Sie

war zu Tode erschrocken. Ihr Blut kreiste in

einem wilden Wirbel. Sie wollte aufstehen,

aber ihr war so schwach. Er nahm sie in seine

Arme, sie ließ es geschehen. Sie gab sich ganz

in seine Gewalt. Als sie aufblickte, war sie

allein. Und überwältigt von Schmach, Entsetzen

und einem trotzigen Glücksgefühl weinte sie,

als ob es nie mehr ein Aufhören geben sollte.

Am nächsten Tag mußte Felix schon früh nach

Oldenburg fahren, um auf dem Ministerium

seine Papiere und Urkunden ordnen zu lassen.

Er war bei dem Vater eines Studienkamaraden

zum Essen eingeladen, und man ließ ihn dort

nicht so schnell los. Jedenfalls kam er erst mit

dem Abendzug zurück. Suhrkamp sagte ihm,

seine Frau ließe sich entschuldigen. Leider sei

sie gerade an seinem Abschiedsabend von

grimmigen Kopfschmerzen geplagt. Er schlug

Felix vor, im kleinen Saal noch einen Trunk

unter Männern zu tun. Es war lange Mitter-

nacht vorbei, als die beiden sich mit festem

Händedruck trennten.

Felix sah Lena nicht eher wieder, als bis

Warntjes Kutschwagen vor der Tür stand. Sie

kam in einem luftigen hellen Voilekleid und

trug ein Medaillon auf der Brust, das an

einem langen schwarzen Samtbande hing. Sie

lächelte. Warntjes, der heute selbst kutschierte,

mußte auf ihre Anordnung die großen Gepäck-

stücke noch geschickter verstauen, dann lief sie

wieder ins Haus und brachte ein Körbchen mit

Dattelkonfekt. Sie ließ sich von Felix beim

Einsteigen helfen, als ob nichts gewesen sei,

und ermahnte Johann Hinrich, sihc mit der Ab-

fahrt doch ja zu beeilen, da man sonst den Zug

womöglich nicht mehr bekomme. “Wo bleibt er

nur, der Herr Referendar?” Rief sie, als Felix

noch einmal nach oben lief, als habe er dort

etwas vergessen.

Die beiden Männer hatten unterwegs noch

manches zu bereden, so fiel es nicht auf, daß

Lena ihnen schweigsam zuhörte. Auf dem Bahn-

hof mußte man sich beeilen. Es blieb gerade

noch Zeit zu einem Winken hinüber und her-

über, dann bog der Zug um die Ecke. Ver-

loren sah sie ihm nach., das Taschentuch noch

wie zum Gruß erhoben. Sie war weit weg mit

ihren Gedanken. “Komm”, sagte Suhrkamp

und berührte sie an den Schultern, “Es ist

Zeit…”

Zu haus lief sie in ihr Stübchen. Allein

sein! Da — was lag da? Ein Brief von

Felix. Sie riß ihn auf und las: Ich liebe Dich,

Lena. Ich weiß es seit jener Bootsfahrt im

Gewittersturm. Aber ich weiß auch seit dem

gleichen Tage, daß Du mir verloren warst, noch

ehe ich Dich gewinnen konnte. Er ist der

Stärkere. Du brauchst ihn, ich weiß es. — 

Lena, wir müssen uns trennen. Aber diesen

Kranz von Immortellen habe ihc Dir binden

lassen. Unverwerflich, unvergänglich, die

Blumen sterben keinen Tod. Hüte den Kranz.

Felix.

Sie legte den Brief an den Nähtisch zurück,

wickelte das beigelegte Päckchen aus. Dann

beugte sie sich aus dem Fenster. Süß und

schwer kamen die Herbstdüfte herauf. Geruch von

Moos und Laub und Vergänglichkeit. Sie

zitterte. Johan Hinrich kam herein, trat zu

ihr hin, sie fühlte, wie er sie ansah, wie

seine Blicke über ihr Haar, ihren Hals, ihren Rücken

gingen. Sie schloß die Augen und lehnte sich

zurück. “Liebe mich”, flüsterte sie, !liebe mich,

ehe es zu spät ist…”

Das Ende ist schnell erzählt. Wenige Tage

später überfiel Lena ein heftiges Nervenfieber,

von der gleichen gefährlichen Art wie das, was

vor Jahren Suhrkamps erster Braut das Leben

gekostet hatte. Er saß an ihrem Bett, er ging

nicht von ihrer Seite. In ihren Fieberträumen

hielt er ihre Hand, trocknete ihr die Stirn,

wenn die Gedanken sie peitschten, gönnte sich

bei Tag und Nacht keine Ruhe. Er ließ sich

seine Akten ins Haus bringen und arbeitete,

wenn sie in unruhigem Schlafe lag. Er kämpfte

mit dem dunklen Schatten, der schon an ihrem

Bette stand, und er blieb Sieger. Endlich; end-

lich, nach Wochen der Qual und des Wartens, 

schlug sie die Augen wieder auf, lächelte und

der Schatten gab sein Spiel verloren. Am

Weihnachtstage durfte sie zum ersten Male auf-

stehen und von da an ging es mit Riesen-

schritten vorwärts. Ihre Jugend holte halb

alles auf, und als wieder ein Sommer in

Fiekensholt einzog , sah er eine junge und

strahlende Frau, anmutiger als er sie vorher

gesehen. Das Leben schien nun erst seine

goldenen Tore aufzutun, und aus Wissen und

Schmerzen wuchsen ungeahnte Freuden. Und

wieder wurde es Weihnachten, und diesmal

saßen glückliche Eltern unter dem Lichterbaum,

die sich liebend über ihr erstes Kindlein

beugten. Es folgte noch eine lange Reihe guter

und gesegneter Jahre, voll tätigen Lebens, bis

der dunkle Schatten wiederkam und die Ge

fährten auseinanderriß.

“Hat sie — ihr Opfer nie bereut?” fragt Dina,

als die alte Dame geendet hatte. “Opfer?” ent-

gegnete die Herrin, “ein Opfer würde ich es nicht

nennen. Es gab ihr einen Halt und eine Stärke,

wie sie ihn nie zuvor erfahren, und sie war wie

der Efeu, der sich bis zur Krone schlingt.

Willst du das eine von dem anderen trennen?

Wir meinen ja so oft im Leben, nur das sei

Glück, was sich uns lockend und verlangend dar-

bietet, und wenn wir es nicht bekommen, so

sagen wir, man habe uns darum betrogen. Ein

schwerer, ein verhängnisvoller Irrtum. Ich

glaube man muß dazu erst reif werden. Als die

junge Frau ihre Ehe begann, war sie´s noch

nicht, aber als sie von ihrem Krankenbett auf-

stand, da wußte sie, das Treue und Füreinander-

sein am Ende schwerer wiegen als Verzauberung

und Jugend. Die Jugend ist gut, und die Liebe

ist gut, aber die sanfte Gewalt, die Herz zu

Herzen zwingt, das ist das Beste.”