
Videostill aus Andrea Polli: Ground Truth, USA 2008
Dieses Programm mit historischen und zeitgenössischen
Kurzfilmen untersucht die Relativität der Natur- und
Landschaftswahrnehmung. Die grundlegende Instabilität des (medialen)
Sehens und Hörens wird zum einen auf die Subjektivität der menschlichen
Sinne zurückgeführt, andererseits werden die Grenzen wissenschaftlicher
Erfassung reflektiert: mit welchen technischen Mitteln auch immer
erstellt, unser Bild von Natur und Landschaft bewegt sich nie außerhalb
der Fantasie und kulturell geprägter Vorstellungen. Vor diesem
thematischen Hintergrund changieren die Filme und Videos in
In Face of Nature zwischen streng strukturellen
Verfahren, surrealen Ortsbeschreibungen sowie der
dokumentarisch-experimentellen Auseinandersetzung mit einer von
Atomkatastrophen und Klimawandel bedrohten Welt.
Die Filme im einzelnen:
I. E. [site 01 – isole eolie]
Lotte Schreiber, A 2004, Video, 8′
"Kurz taucht der Stromboli auf, wie von einem Blitz
aus der Dunkelheit gehoben, in der er wieder verschwindet. Dann nähern
wir uns den Äolischen Inseln, in deren filmischem Abbild Bewegung und
Stillstand, die Materialität von Super-8 und Video aufeinanderprallen.
In dem Raum, der durch diese Vermessung mit der Kamera entsteht, wird
die Landschaft als subjektive sinnliche Erfahrung, aber auch als
ästhetischer Gegenstand der Abbildung untersucht." (Barbara Pichler)
7/78 Tree again
Kurt Kren, A 1978, 16mm, 4′
Kurt Krens erster Film in den USA, in
Einzelbildschaltung auf ausdatiertem, sehr empfindlichen
Infrarotmaterial und über einen Zeitraum von 50 Tagen gedreht. Im
Zentrum gleichbleibender Einstellungen: ein Baum auf einer Wiese in
Vermont. Kren ließ zwischen den belichteten Kadern einige unbelichtet;
er kurbelte den Film immer wieder zurück und belichtete nach und nach
die zuvor übersprungenen Stellen, jedesmal unter anderen Licht- und
Wetterbedingungen. So entstand ein faszinierendes Bildgewitter, in
welchem sich verschiedene Zeiten und Naturzustände ineinanderschieben
und scheinbar auflösen.
Printer Light Play
Arthur & Corinne Cantrill, AUS 1978, 16mm, 6′
Ein junger Mann hält eine Farbskala, hinter ihm an
der weißen Wand ein gerahmtes Landschaftsbild. Die auf die
fotografische Abbildung von Kunstwerken anspielende Versuchsanordnung
dient einer Übung in visueller Wahrnehmung: gemäß den nummerischen
Informationen einer weiblichen Stimme wird die Filterung des Filmbildes
verändert, die Szene erhält einen mal mehr, mal weniger starken
Farbstich. Nach kurzer Zeit erscheint es nahezu unmöglich
einzuschätzen, welche der vielen Farbskalierungen der getreuen
Abbildung der Wirklichkeit tatsächlich entspricht.
Lantouy
Isabell Spengler & Daniel Adams, D 2006, Video, 7′
Bilder wie Seifenblasen: ephemer, durchsichtig und
zugleich farbig schillernd. Die Aufnahmen zu Isabell Spenglers und
Daniel Adams Video entstanden im sagenumwobenen Lantouy in
Südfrankreich. "Während wir noch damit beschäftigt waren, die fünfzig
Schichten unserer nebulösen Unterröcke zurechtzuzupfen und die
filigranen Saiten unserer bescheidenen Musikapparate zu sortieren,
krochen wir unbeholfen durch die rauhen und zuckerüberzogenen
Gebirgstunnel auf dem Weg nach Lantouy, als uns plötzlich Feenstaub
Augen und Ohren dermaßen verhätschelte, dass wir direkt ins Zentrum
unseres unbekannten Bestimmungsortes gebeamt wurden." (Lantouy, 11.
August 2005).
Sky Light
Chris Welsby, UK 1988, 16mm, 26′

Filmstill aus Chris Welsby: Sky Light, UK 1988
Sky Light stellt Chris Welsbys eindringliche Antwort auf die
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 dar. Die elegischen Bilder
eines Baches werden von zerklüfteten Felsen in schneeverwehter
Landschaft und von Wolkenformationen vor blauem Himmel abgelöst. Mit
zunehmender Dauer des Films verdichten sich Montage und Soundtrack zu
einer alarmierenden Stimmung, immer wieder durchdrungen vom Knacken
eines Geigerzählers.
Ground Truth
Andrea Polli, USA 2008, Video, 8′
Andrea Polli begleitet Atmosphärenforscher,
Meteorologen und Wetterbeobachter bei ihrer Arbeit am Südpol. Kurze
Statements und Interviewpassagen werden durch dokumentarische Aufnahmen
der kargen Landschaft und der widrigen Wetterverhältnisse ergänzt.
Ground Truth geht der Frage nach, welche Wahrheiten sich hinter der
empirischen Interpretation der Klimaveränderungen verbergen, inwiewenig
die gesammelten Daten garantieren, das komplexe System der Vorgänge
wirklich verstehen zu können.
bellevue
Michaela Schwentner, A 2007, Video, 9′

Videostill aus Michaela Schwentner: bellevue, A 2007
"Schnee, Nebel, Wolken – und mittendrin ein kaum erkennbares
Bergmassiv. Oder besser: Weißes Rauschen, aus dem allmählich Konturen
hervortreten und wieder verschwinden, wie Irrlichter in einem digitalen
Bildnebel. […] Das Ausgangsmaterial zu Michaela Schwentners bellevue
sind über Monate gesammelte Webcam-Aufnahmen des Großglockners.
Begleitet von einem ambient-artigen Säuseln, das Schwentner aus der
direkten Umwandlung der Bild- in Tondateien gewonnen hat, klärt und
verunklärt sich die Vision in einem fort. Als wolle der millionenfach
gesehene und fotografisch reproduzierte Berg seine Identität nicht so
einfach preisgeben; ja als berge die scheinbar banale
Wetterpanorama-Aufnahme eine Art Schlüssel zum Verschwinden der
vermeintlich unveränderlichsten, naturgegebenen Dinge." (Christian
Höller)